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Leseproben
Kai Grehn
Schwarz
© Kai Grehn - www.hoellensprichwoerter.de
SCHWARZ
Oder die Frage: Wie gelangte dieses stolze Schiff mitten in den Regenwald?
Offensichtlich gestrandet, daran ist abnormes nicht. Dergleichen geschieht
und gibt es keine Opfer zu beklagen, geschieht dergleichen ohne vieles Aufsehen.
Aber hier, in einem Dickicht tropischer Gewächse, kein Gewässer
weit und breit? Welch sirenengepeitschter Sturm sollte
einen
Dreimaster hierher verschlagen? Makellos, der hölzerne Bauch des Schiffes,
keine Zeichen äußerer Gewalteinwirkung oder... hatten sich die
Seefahrer schlicht und ergreifend nur verirrt? (Wie schnell geschieht dergleichen,
wenn wir tagträumend durch eine Welt wanken, die nicht die unsere ist.)
Verfolgten sie ein außergewöhnlich schönes Tier und erkannten
im Fieber der Jagd nicht, wohin die Fahrt sie trieb? Was sonst sollte sie
getrieben haben zu dieser arg fragwürdigen Tat? Vielleicht war die
Präzision des Kompasses eher mangelhaft und zeigte, scheinbar unerheblich,
bemessen auf die Länge der Reise eine allerdings nicht zu vernachlässigende
Abweichung an vom Kurs? Oder waren sie am Ende einfach eingeschlafen? Erschöpft
vom ewigen Sturz der Wellen schliefen sie durch, drei Tage und drei Nächte
lang und erwachten unter grünem Blätterdach? Ach, ein schönes
Erwachen...
Möglicherweise
hatte es die Seefahrer aber auch auf eine Tropenexpedition verschlagen.
(Sogar dergleichen hin und wieder geschieht.) Mitten im tiefsten Dickicht
befiel sie aber kohlpechrabenschwarze Sehnsucht nach dem Geist des großen
Sees. Und stehenden Fußes, Knall und Fall, begannen sie mit dem Bau
des Schiffes. Was anderes hätte ein Dreimaster von solch ungeheuerlichen
Ausmaßen mitten im Regenwald verloren?
Hörprobe
(MP3/ 2,1MB)
ONCE IN A BLUE MOON
Er weilte in einer Landschaft deutscher Bunker, am Schlund einer grundlosen
Tiefe, als eine Schönheit, ein Wesen voller Leben neben ihm erschien...
Er fragte: "Bist du ein Engel?"
Und es sagte: "Ich bin ein Engel."
Er fragte: "Kannst du fliegen?"
Und es sagte: "Ich kann fliegen."
Er fragte: "Kannst du mich fortbringen von hier."
Und es sagte: "Ja. Selbstverständlich kann ich dich fortbringen
von hier."
Und sie stellten sich Hand in Hand an den Rand der Tiefe. Und sie sprangen.
Das Wesen fragte: "Wußtest du nicht,
daß ich eine Lügnerin bin?"
Und er sagte: "Ich wußte sehr wohl, daß du eine Lügnerin
bist."
Dann fiel er hinab.
Hörprobe
(MP3/ 844KB)
SCHÖNHEIT
„Schönheit“, sagte sie, als sie gegen das Betäubungsmittelgesetz
mittels Einnahme illegaler Substanzen verstieß, „also wirkliche
Schönheit existiert nur in der Bewegung.“
Mit diesen Worten setzte sie sich hinter das
Lenkrad ihres Fahrmobils und jenen Indianern, die am Hals ihrer Pferde durch
grenzenlose, grasbewachsene Weite sprengen (im Galopp, versteht sich), jenen
Indianern also nicht ganz unähnlich, fuhr sie sieben Stunden im Kreisverkehr,
immer um die Siegessäule.
Hörprobe
(MP3/ 1MB)
HIMMELFAHRTSSTRASSE
Seit drei Generationen wurde in der Schmiede das Eisen geschmiedet, solange
es noch glühte. Seit drei Generationen diente den Schmieden als Behelfsamboß
die Attrappe einer Artillerie-Granate. Die Geschäfte gingen ausgezeichnet,
das Unternehmen expandierte, als beim schmieden eines 7-Zoll-Nagels die
Granate explodierte. Dort, wo einst die Schmiede stand, klafft nun ein tiefes
Loch.
Hörprobe
(MP3/ 556KB)
17 SEKUNDEN
Versuchen Sie sich vorzustellen, Sie verkommen in einem Pariser Straßencafe,
vor sich eine Tasse schwarzen Tee oder noch schwärzeren Kaffee. Der
eigenen Trägheit hingegeben sinnieren Sie über das miserable Spiel
Ihres Fußballvereins, über die Zahlenkombination für Ihren
nächsten Lottoschein oder über die von der Mode überrannten
Dinosaurier...
Doch welche Taktlosigkeit! Die Kellnerin, die eben noch begehrenswert erschien, platziert einen Indianer zu Ihnen an den Tisch. Er wolle sich nicht aufdrängen, sagt der Indianer und hält Ihnen dabei sein Jagdmesser an die Kehle, die Kellnerin habe ihn aber zu diesem Tisch geführt, und folglich, das werde erwartet von einer Rothaut wie ihm, müsse er Sie jetzt skalpieren. Es sei denn, Sie seien in der Lage, ihm innerhalb der nächsten 17 Sekunden ein einziges Argument zu präsentieren, weshalb eine durch und durch larvale Existenz, wie Sie ja eine darzustellen scheinen, weiter unter dieser Sonne wandeln sollte.
Vorerst, so sagte der Indianer, wäre das
von seiner Seite alles.
Hörprobe
(MP3/ 1,1MB)
Sound-Bonus:
LEIPZIGER LITANEI
(Recording einer Performance-Lesung im Rahmen des Leipziger Literarischen
Herbstes.
(Live-)Musik: Kohlschmidt/ ZAP.)
Hörprobe
(MP3/ 3MB)
Die Tonaufnahmen sind während einer
Lesung anläßlich der Eröffnungstage des Wolfgang Koeppen
Literatur-Hauses in Greifswald mitgeschnitten worden. Die (Live-)Musik zur
Lesung wurde von Kai-Uwe Kohlschmidt und Z.A.P. eingespielt.
Ein Mitschnitt der gesamten Lesung kann als CD für 10 € (incl.
Porto) unter info@kaigrehn.de
bestellt werden.