Bücher - Prosa

schwarzcover Auszug aus dem Manuskript
FUNKEN oder DER GROßSTADTLÄUFER
© Kai Grehn - www.hoellensprichwoerter.de
Funkenprint © Carsten Nicolai





„Während er durch den Regen weiterging, blickte er nochmals zu der Oberleitung hinter ihm auf. Unablässig sprangen aus ihr grelle Funken. Er dachte an alles, was das Leben bot, und nichts erschien ihm besonders begehrenswert. Aber diese violetten Funken – diese grausamen Funken, die durch die Luft wirbelten, sie
wollte er in seinen Händen halten, und wenn es ihn das
Leben kostete.“
R.A.


SPAZIERGANG


Die Sonne verirrte sich in den Hinterhof seiner Bastion aus Elfenbein und schien, wozu sie sich zweimal im Jahr nur hinzureißen pflegt, direkt in sein Berliner Zimmer. Diesem lichten Moment mußte es geschuldet sein, daß er ohne schlagenden Grund und ohne die ihm sonst eigenen Vorkehrungen, Hals über Kopf seine Behausung verließ. Er hatte kein benennbares Ziel. Man könnte auch sagen, sein Ziel bestand in der Ziellosigkeit. Ein nichts begehrendes, nichts gebärendes Vorhandensein. Ein Zustand der, dessen war er sich bewußt, niemals lange währt.
Im Hausflur passiert er den Stillen Portier. Während sein Blick über die Namen gleitet, entsinnt er sich eines kurzen Dialoges, den er vor Jahren mit seinem Vater führte:
„Papa,” sagte er unvermittelt am Frühstückstisch, „Papa, du tust mir leid.“
„Wieso mein Junge?“
„Du tust mir leid, weil du leben mußt in den Metropolen der Wirklichkeit.“
Er läuft auf die Straße hinaus und wie zum allerersten Mal nimmt er das Stöckeln der Stöckelschuhe wahr, Spatzengezänk, Galgenvögel und Galeerensklaven, Menschenfresser, die Nabelschau junger Mädchen, Kindergelächter und Kindergeschrei, Geschäftsreisende, Gecken auf Beutezug. Ein fortwährendes Gedränge und Gemenge. Ein ununterbrochenes Getöse und Getöne. Kurzum: das Leben - das Leben mit seinen Blähungen, seinen Blasphemien, seinen Katatonien, seinem Kopfschmerz, seinem Kommerz, seinen kleinen Passionen, seinen Mysterien, den offenbaren und den nicht offenbaren, die da sind, ganz einfach da sind - das Leben umbrandet ihn und reißt ihn mit sich fort...
Er erinnert sich eines Ausfluges ans Meer. Stürmisch war die See und bei dem Versuch, hinwegzutauchen unter den Wellenkämmen, wurde er herumgewirbelt, verlor er jegliche Kontrolle. Über seinen Körper. Über seinen Geist. Der Gnade des Wassers ausgeliefert auf Verderben und Gedeih, um sich in letzter Sekunde selber zu befreien, sich mit einer kraftvollen Bewegung vom Meeresgrund abzustoßen, aufzutauchen zwischen Welle und Welle. Atem zu holen. Den Himmel über sich und Wolken, bevor der nächste Wellenkamm über ihm zusammenbrach.
Er wandert durch das Viertel der Katzen und Kastanien. Kopfsteinpflaster. Brandmauern. Aus dem Gekröse der Großstadt steigt ein Ton empor. Ein Ton, der sich in sich selbst verliert. Gespielt von einem Straßenmusiker. Gespielt auf einem Duduk. Er entsinnt sich nicht mehr, wer die Worte zu ihm sprach, aber er entsinnt sich der Worte: Besäße das Seele genannte einen Klang, es klänge wie ein Duduk, sicherlich. - Er folgt den Klängen. Er folgt den Melodien. Wenn Musik aufspielt, die ihn entführt, berührt auf wundersame Weise, wenn die Brachlerche, die in seinem Herzen haust, zu singen beginnt, in Momenten wie diesen ist eine Sekunde, ist ein Jahrtausend gleich lang, gleich kurz. Was sollte man suchen, in Momenten wie diesen? Er betritt ein dicht am Fluß gelegenes Gartenlokal. Er bestellt ein Glas Wasser und ein Glas Wein. Er sitzt in dieser kleinen Wirtschaft, die Sonne hüpft von Wolke zu Wolke, und Gott ist nah...
„Immer,” unterbricht ihn ein zeitungslesender Tischnachbar, „immer wenn ich das Tagesblatt durchblättere, fällt die Angst mich an, ich könnte meine Todesanzeige in ihm entdecken. - Haben Sie nicht auch das Gefühl, daß Sie gefangen sind in den Seiten eines fremdem Textes? Sie lesen diesen Text. Sie hören ihm zu, um sich vorzubereiten für den entscheidenden Moment, der jederzeit kommen könnte. Würden Sie Ihren Blick jedoch für zwei oder drei Sekunden von den Seiten lösen, würde Ihnen bewußt, daß dieser fremde Text Ihr Leben ist und daß ... Aber was rede ich und rede. Bestellen Sie bitte dem Kellner meinen hochachtungsvollen Gruß. Sagen Sie ihm, zwei Weinbergschnecken kommen nachher hier vorbei und bezahlen meine Zeche mit.“
Erstaunt schaut er dem Fremden hinterher, der mit einem Taxi Richtung Sonnenallee enteilt. Er schaut hinüber zu dem Fluß. Er schaut die Fähre und den alten, singenden Fährmann. Ein ganzes Menschenleben pendelnd zwischen den Ufern. Er schaut die ausschwärmende Armada der Ameisen im Gartenlokal. Ein ganzes Ameisenleben wälzend die Brosamen. Er schaut den Apfelbaum und die Blütenblätter, die fallen, in sanften Schauern auf seine Schultern fallen...
Er denkt an seine Mutter, die jeden Montag zehn Minuten vor drei aus dem Haus gegangen ist. Jeden Montag zehn Minuten vor drei. An einem Montag also hat er zu seiner Mutter gesagt: „Mama“ hat er gesagt, „ich reise mit meinen Freunden zum Mond. Himmel und Hölle spielen.“ Statt dessen versteckte er sich hinter der Hagebuttenhecke und als sie das Haus verließ, folgte er ihr in einigem Abstand, unauffällig, wie er meinte, folgte ihr in die Randgebiete der Stadt ... Seine Mutter hat sich dort mit einem fremden Mann getroffen, in ein Gasthaus gesetzt und dann haben sie sich angesehen und geschwiegen. Zwei Stunden lang. Kein einziges Wort. Unmöglich, diese Beobachtung zu verschweigen. Am gleichen Abend noch hat er seine Mutter gefragt: „Mama” hat er gefragt, „warum setzt du dich mit diesem Mann in ein Gasthaus und schweigst?“ Und seine Mutter, ohne innezuhalten beim Enthülsen der Erbsen, hat ihm geantwortet: „Weil wir einander so viele wichtige Dinge zu erzählen haben.” Das war es, was sie sagte.
Er atmet ein. Er atmet aus. Er betrachtet den Torbogen des Gartenlokals und die Szenerie dahinter, wimmelnde Weisheit der Straße. Als blicke man durch das Portal einer Guckkastenbühne: die Tragödien- und die Komödiendarsteller, sie kommen und sie gehen. Wie jene beiden Schauspieler, denkt er, die weiterspielten, unerschütterlich, auch als der letzte Zuschauer das Theater vorzeitig verlassen hatte.
Gleichmütig gewahrt er die heraufziehenden Gewitterwolken über der Stadt. Den Himmel, der durchfurcht wird von Blitzen. Blitze, die aufleuchten wie Zeichen und Wörter, mit Kreidefingern auf eine Schiefertafel geschrieben, sichtbar für jeden, der bereit ist, sie zu lesen. Zwiesprache zu halten mit den Gestalten des Lichts, den Gestalten des Schattens...
Er erinnert sich plötzlich der antiken Skulptur des unseligen Lichtbringers, die unversehrt, eingemauert in den Katakomben der heutigen Akademie der Wissenschaften, die Zerstörung der Stadt überdauern konnte. Dabei war er sich sicher, daß diese Skulptur nicht zu ihrem Schutz dort eingemauert worden war.
Machtvoll bricht das Stakkato des Regens über ihn herein. Unter dem Torbogen gewahrt er einen Mann, der im Regen steht und der ihn anblickt unverwandt. „Das,” sagt der Mann und schöpft eine Handvoll Wasser, „ist dein Leben. Und das,” sagt der Mann eine zweite Handvoll Wasser schöpfend, „ist dein Tod. Alles andere ist eine Phantasmagorie. Ein Wolkenkuckuckheim.“
Ein Traum, daß wußte er, ist wirklicher als Wolken, Blitz und Donner, ist wirklicher als der Tod. Und was anderes als Erinnerungen wären seine Träume? Fenster und Türen eines erleuchteten Hauses. Ein Haus, in das es einzukehren gilt wie in die geöffneten Seiten eines Buches. Buch ohne Anfang. Ohne Ende.
Er fegt den Himmel blank. Er fegt seine Seele blank. Er eilt durch das gefächerte Licht der neuen Sonne. Hinunter zum Fluß. Er schreibt Namen in den Sand, die die Wellen auf und mit sich nehmen...
Es ist Zeit, denkt er. Zeit dem Wasserlauf zu folgen, hinaus, raus aus den Toren der Stadt. Und heimzukehren.